Ressourcenbasierte Wirtschaft – Kapitel 7: Natur oder Erziehung

Menschliches Verhalten

Manche Menschen, die die Grundsätze einer Ressourcenbasierten Wirtschaft betrachten, denken, dass das System schwer umzusetzen sei, da es wider die „menschlichen Natur” sei. Das Argument fährt dann gängigerweise fort, dass Menschen natürlicherweise wettbewerbsorientiert, gierig, blind und selbstverliebt sind, wodurch impliziert wird, dass es unabhängig vom Stand der Dinge in einer Gesellschaft immer „korrupte” Menschen geben wird, die andere ausnutzen und Dominanz suchen.

Die „menschliche Natur” ist wie folgt definiert: „Die gemeinsamen psychologischen Attribute der Menschheit, von denen angenommen wird, dass sie von allen Menschen geteilt werden.” Deshalb ist die Aussage dieses Begriffs in etwa, dass es bestimmte psychologische, also mentale Verhaltensweisen gibt, die in ungeklärter Weise fest in einer Person „installiert” sind. Deshalb sind wir nach dieser Denkweise mit einigen festgelegten Neigungen geboren.

Es ist leicht zu erkennen, wie sich eine solche Annahme entwickeln konnte, denn wenn man die historischen Berichte der menschlichen Rasse bis heute betrachtet, erkennt man eine Aneinanderkettung von Kriegen, Genoziden, Eroberungen und Machtmissbräuchen.
Da wir dieses Muster wahrnehmen… ist es naheliegend anzunehmen, dass es so etwas wie die „menschliche Natur” oder den „Instinkt” geben muss, der uns historisch belegt wiederholt in einer bestimmten Art handeln lässt.
So genanntes „kriminelles Verhalten” ist im Bereich der Psychologie seit langer Zeit ein Forschungsgebiet. Wird es ausgelöst durch die persönliche genetische Ausstattung oder durch die Umgebung, in der jemand aufgewachsen ist? Dies ist die uralte Frage von „Natur gegen Erziehung”.
Was genau ist denn überhaupt kriminelles Verhalten? Wie klassifizieren wir Verhaltensmuster, die vom Menschen im Laufe der Zeit erfunden wurden? Das ganze Konzept der Kriminalität ist temporär und relativ zu den kulturellen Werten und den Konzepten von Moralität. Vor 600 Jahren führten die Azteken Massenopferungen durch, sie opferten Zehntausende gleichzeitig. War das kriminelles Verhalten? Möglicherweise für uns, aber für sie war es ein akzeptierter sozialer Brauch. Was ist mit der bei vielen Generationen akzeptierten Sklaverei? In modernen Gesellschaften wäre es illegal, jemanden gefesselt zu halten und ihn zu unbezahlter Arbeit zu zwingen. Ist jemand, der Essen für seine hungernde Familie klaut, ein Krimineller?
Die meisten Psychologen und Verhaltensgenetiker versuchen heute dieser Subjektivität zu begegnen, indem sie die angenommenen „kriminellen Tendenzen” mit Fachbegriffen wie antisoziales,impulsives und aggressives Verhalten bezeichnen. So weitläufig und anfällig für Interpretationen diese Bezeichnungen auch sein mögen, sie katalogisieren und untersuchen sogenannte „Persönlichkeitsstörungen”, wie Borderline, Schizophrenie oder Zwangserkrankungen.

Die Idee, dass die Gene für das sogenannte kriminelle Verhalten verantwortlich seien, kam im frühen 19.Jahrhundert auf. Es wurden sogar eugenische Operationen in Form von Sterilisation durchgeführt um „die Gesellschaft von Kriminellen, Idioten, Blödmännern und Vergewaltigern zu befreien.” (Joseph, Jay, A critical review of twin and adoption studies of criminality and antisocial behaviors, The Journal of Mind and Behavior.) Verhaltensgenetiker werden heute allerdings zugeben, dass niemand ein „Kriminalitätsgen” gefunden hat. Stattdessen fokussiert sich ihre Arbeit nun auf das Zusammenspiel von Neurochemikalien im Gehirn, zusammen mit Beobachtungsstudien über Familien, Zwillinge und Adoptierte.
Um mit den Beobachtungsstudien zu beginnen, so ist inzwischen nachgewiesen, dass Studien über Familien und gemeinsam aufgezogene Zwillinge eine ungenügende Methode für die Erforschung von genetisch bedingtem Verhalten darstellen. Diese Methoden werden durch Umwelteinflüsse beschränkt, da Familienmitglieder die gleiche Umgebung teilen.

Demzufolge stellt die Erforschung von getrennt aufgezogenen Zwillingen eine scheinbar bessere Methode dar, da sich die Umwelteinflüsse zumindest von dem ursprünglichen familiären Umfeld unterscheiden. Heute stammen die meistzitierten Beiträge, die sich für einen Zusammenhang zwischen Genen und Persönlichkeitsstörungen sowie Verhaltensneigungen aussprechen, von Studien über getrennt aufgezogene Zwillinge.
Während das Studium getrennt aufgezogener Zwillinge das Problem der gegenseitigen Beeinflussung von familiären Verhaltensweisen durch die Umwelt aufzuheben scheint, so besteht bei dieser Methode auch das Problem, dass die Zwillinge in sehr ähnlichen sozialen, ökonomischen und kulturellen Umgebungen aufwachsen.
Zum Beispiel nennt sich eine der bekanntesten Studien für getrennt aufgezogene Zwillinge die „Minnesota Studie”. (http://mctfr.psych.umn.edu/research/UM%20research.html) Dreihundertachtundvierzig Zwillingspaare wurden an der Universität von Minnesota untersucht, wobei der meistzitierte Fall dieser Studie, zur Verteidigung einer genetischen Basis des Verhaltens, als der „Jim Twins” Fall bekannt wurde. Jim Lewis und Jim Springer wurden 1940 vier Wochen nach ihrer Geburt getrennt; sie wuchsen 70 Kilometer voneinander entfernt in Ohio auf und wurden 1979 wieder zusammengeführt.
Die Studie der beiden wiedervereinigten, identischen Zwillinge zeigte folgende Übereinstimmungen:
Einer hat seinen ersten Sohn James Alan genannt, der andere nannte ihn James Allan.
Beide Zwillinge hatten einen adoptierten Bruder namens Larry.
Beide nannten ihren Haushund „Toy”.
Beide hatten Polizeitrainings absolviert und waren in Teilzeitarbeit Sheriffs in Ohio gewesen.
Beide konnten schlecht buchstabieren und gut rechnen.
Beide hatten Ausbildungen zum Tischler und technischen Zeichner absolviert und schrieben in Druckbuchstaben. (http://mctfr.psych.umn.edu/research/UM%20research.html)
Zuerst wollen wir nochmal wiederholen, dass beide „Jims” nur 70 Kilometer voneinander entfernt in Ohio aufwuchsen. Wenn man die geringe Entfernung der beiden Zwillinge bedenkt und die kulturellen Gegebenheiten dieser Region, kann man sicher annehmen, dass beide Männer mit sehr ähnlichen Werten und Traditionen in Berührung kamen. Ohio besitzt verglichen mit anderen Staaten eine geringe kulturelle Diversifikation. 86% der Bevölkerung ist weiß (http://www.census.gov/popest/states/asrh/tables/SC-EST2005-03-39.csv), während 82% Christen sind. (http://www.spiritus-temporis.com/ohio/demographics.html) Dies ist wichtig, denn je weniger Unterschied in einer Region existiert, desto gleichförmiger sind die umweltbedingten Einflüsse. Ein weiteres wichtiges Element, auf das der Autor aus Informationsmangel nicht näher eingehen kann, ist die kulturelle Einstellung und das Wertesystem der beteiligten Eltern. Falls beide Eltern der „Jims” in der Ohio Region geboren und dort aufgezogen wurden, verstärkt dies weiter die kulturellen Ähnlichkeiten und dadurch ähnliche Verhaltensmuster.
Was ihre Heirat mit einer Frau namens Betty und ihrer Scheidung von einer Frau namens Linda betrifft, auf der Liste der eintausend häufigsten Frauennamen in America steht Linda auf #3 und Betty auf #14. (http://names.mongabay.com/female_names.htm.)
Dies ist statistisch relevant, da in Anbetracht der riesigen Anzahl der Personen mit diesen Namen ein Zufall sehr wahrscheinlich ist. Was die Namen ‘James Alan’ und ‘James Allan’ angeht, nunja, der häufigste Name in Amerika ist … James! (http://names.mongabay.com/male_names.htm) Was den Unterschied zwischen Allan/Alan angeht, müsste mehr Forschung auf den kulturellen Hintergrund gerichtet werden, den der Name in dieser Region in Ohio besitzt.
Bezüglich der Feststellung, dass „beide Zwillinge einen adoptierten Bruder namens Larry besitzen”, muss man sagen, dass dies aus nicht nachvollziehbaren Gründen von den Minnesota Forschern erwähnt wurde, da die Namensgebung normalerweise von den Eltern und nicht von den Kindern erledigt wird. Diese Tatsache sagt zwar nichts über die „Jim Twins” aus, aber sie zeigt die großen kulturellen Ähnlichkeiten der Eltern. Falls beide Eltern eine Neigung hatten, ihren Sohn Larry zu nennen, dann liegt es nahe anzunehmen, dass sie kulturell sehr ähnlich waren und deshalb die Einflüsse der Umwelt auf die beiden „Jims” auch sehr ähnlich waren.

Dann gibt es noch die Hunde namens „Toy”. Nun, ‘Toy’ ist kein gewöhnlicher Hundename, deswegen müssen wir wissen, woher er ursprünglich kam. Jemand muss den ‘Jims’ diesen Namen vorgeschlagen haben, damit sie sich dieser Möglichkeit der Namensgebung überhaupt bewusst werden konnten. Die Entscheidung für diesen Namen könnte mehrere Gründe haben und logisch aus der Umwelt folgern. Zum Beispiel haben fast alle Haushunde Spielzeuge die ihre Besitzer ihnen kaufen. Der Name ‘Toy’ könnte daher kommen, dass die jungen ‘Jims’ ihre Eltern über Spielzeug, also “Toy”, für ihren Hund haben reden hören, während sie mit dem Hund spielten. Zum Beispiel gibt es historische Beispiele dafür, dass eine Mutter zu ihrem jungen Kind, das gerade sprechen lernt etwas Gewöhnliches sagt wie, „Papa ist zu Hause”, wenn sie das Kind über die Ankunft des Vaters formulieren will. Das Kind würde irgendwann diese Worte hören und sie damit assoziieren, dass der Vater das Haus betritt. In diesem gewöhnlichen Szenario haben manche Kinder die Vaterfigur mit dem Wort „Haus” statt mit „Papa” assoziiert. Deshalb würden sie später fragen: „Wann kommt Haus nach Hause?”.
Mit anderen Worten könnte das Wort toy ein Name sein, der in diesem Kontext neu definiert worden ist. Im Fall der Jim Zwillinge haben wir nicht genug Informationen um den Namen „Toy” genetischen oder umweltbedingten Faktoren zuordnen zu können, aber die Argumentation legt umweltbedingte Faktoren nahe.
Dieses Dokument soll keine vollständige argumentative Abhandlung über den Mangel an Stichhaltigkeit der Zwillingsstudie führen. Was hier klar gemacht werden soll, ist, dass kulturelle Faktoren in einer Gesellschaft so mächtig sein können wie familiäre Faktoren. Die „Jim Zwillinge” wuchsen in derselben Gegend auf und kamen mit ähnlichen Werten und Umwelteinflüssen in Kontakt. Dieser Faktor muss mit einbezogen und eine tiefergehende Analyse durchgeführt werden um die kulturellen Gründe in einer solchen Studie zu beleuchten. Im Ganzen betrachtet weisen die Zwillingsstudien, obwohl hoch gelobt, eine extreme Schwäche im Verständnis für die wahren Ursachen einer bestimmten Übereinstimmung auf.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass Gene keinen starken Einfluss auf unser Leben besäßen. Es ist sehr wichtig die tatsächlichen genetischen Merkmale und ihre Auswirkungen zu betrachten, wenn sie mit der Kultur in Berührung kommen. Während die meisten zustimmen, dass physische Attribute wie die Augenfarbe, die Körpergröße und manche Allergien genetischer Natur sind, so beachten viele nicht die Auswirkungen, die diese Attribute auf die Formung der Umwelt für diese Person haben.
Nehmen Sie zum Beispiel einmal an, dass zwei identische Zwillinge bei der Geburt getrennt werden und jeder die genetische Ausstattung besitzt über 2 Meter groß zu werden, jeder einen aktiven Stoffwechsel besitzt, der ihn oder sie dünn halt und eine neurologische Vernetzung besitzt, die präzise Augen-Hand Koordination ermöglicht. Nehmen wir nun an, dass beide von mittelständischen Familien in Vororten adoptiert werden und in etwas aufwachsen, was man als die traditionelle amerikanische Kinderstube bezeichnen könnte, einschließlich sportlicher Aktivitäten. Da jedes Kind überragende Körpergröße und genetisch bedingt eine gesteigerte Koordinationsfähigkeit besitzt, hätten sie bei Sport einen Vorteil. Da Basketball und Football die zwei Hauptsportarten in Amerika sind, werden sie wahrscheinlich irgendwann mit der einen oder anderen in Kontakt kommen. Mit ihrem schlanken Körper und ihrer Größe könnten sie sich für Basketball entscheiden. Falls beide durch ihre Freunde und Familien moralisch unterstützt werden, könnten sie vielleicht beide professionell Basketball spielen.

Ist diese Beschäftigung, Basketball zu spielen, genetisch bedingt? Jedenfalls nicht in dem Sinne, in dem es einige Verhaltensgenetiker nahelegen würden. Es ist eben so, dass sich die Neigung Basketball zu spielen aus physiologischen Vorteilen ergibt. Die Voraussetzungen dazu sind aber sowohl genetischer Natur als auch umweltbedingt, was wiederum durch kulturelle Traditionen beeinflusst wird. Es gibt keinen Beweis, der nahelegt, dass Gene irgendwie einen Basketballspieler erschaffen. Dies gilt so ähnlich für genetische Studien, die behaupten, dass sie nach Genen suchen, die Rauchen verursachen, oder bestimmen, dass jemand Republikaner wird … so etwas ist doch eher absurd. Der wahre relevante genetische Grund dafür ist physiologisch und nicht beim Verhalten zu suchen.
Neurochemikalien sind ein weiteres Beispiel für physiologische Einflüsse auf das Verhalten. Zum Beispiel wurde bei Serotonin nachgewiesen, dass ein Mangel ein sogenanntes „antisoziales” Verhalten erzeugt. Ein geringer Serotoninspiegel kann anscheinend zu Impulsivität und Aggressivität führen. (Elliot, FA, A neurological perspective of violent behavior. In DH Fishbein, The science, treatment, and prevention of antisocial behaviors, pp. 19-21, 2000, Civic Research Institute) Unabhängig von den genauen Details steuern Neurochemikalien jedoch nicht das Verhalten von Personen in spezifischer Weise. So wie andere physiologische Attribute erzeugen sie bestimmte Neigungen. Während es sicherlich eine physiologische Grundlage für diese Chemikalien gibt, wie familiäre Vererbung, die zu durch chemische Ungleichgewichte hervorgerufenen ‘Persönlichkeitsstörungen” führen, so macht die Annahme, dass Neurochemikalien das Verhalten steuern, keine spezifischen Angaben darüber, wie diese chemischen Einflüsse sich auswirken werden.

Anders ausgedrückt kann das Verhalten, das durch die Wechselwirkung dieser Chemikalien hervorgerufen werden kann, nur sehr allgemein beschrieben werden. Man könnte sagen, dass eine Person mit einem bestimmten Ungleichgewicht eine Neigung hat, leichter „wütend” zu werden, als die durchschnittliche Bevölkerung. Auch wenn es informativ ist, so sagt es uns nichts darüber, wie sich dieses Verhalten zeigen wird. Die Umwelt bestimmt das tatsächliche Verhalten oder ein Fehlen davon.
Es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis, der den Gedanken unterstützt, dass irgendeine unserer Verhaltensweisen das Resultat unserer Gene ist. Diese Verhaltensweisen, die Menschen oft dem ‘Instinkt’ oder der ‘menschlichen Natur’ zuschreiben, können fast immer auf Umwelteinflüsse zurückgeführt werden. Der Gedanke einer ‘menschlichen Natur’ ist größtenteils mythologisch begründet. Er nährt sich aus primitiven religiösen Denkweisen, dass der Mensch von sich aus ‘Gut oder Böse’ sei. Die Suche von Menschen, das verursachende Gen oder so etwas Ähnliches zu finden, welches ein spezielles Verhalten hervorruft, ist in ihrem Wesen eine Form des Misstrauens. Es ähnelt dem Gedanken, dass eine Person “von Dämonen besessen” sei, die ihr Verhalten kontrollieren.

Tatsache ist, dass obwohl Neurochemikalien und physiologische Eigenschaften Neigungen für die Reaktionen und sozialen Vorlieben einer Person setzen, es doch letztlich die Umwelt ist, die unsere Werte und Verhaltensweisen erzeugt. Es gibt keine feste, vorbestimmte ‘menschliche Natur’. Unsere Werte, Methoden und Handlungen haben sich aus unseren Erfahrungen entwickelt und begründen sich damit auf diesen.
Wie zuvor beschrieben, fand die ‘Merva-Fowles’ Studie an der Universität von Utah in den 1990ern starke Verbindungen zwischen Arbeitslosigkeit und Kriminalität. Die Studie zeigte, dass 1% Anstieg der Arbeitslosigkeit folgende Auswirkungen hatte:
6,7% Anstieg bei Tötungen;
3,4% Anstieg bei Gewalttaten;
2,4% Anstieg bei Diebstahlsdelikten.

Damit nicht genug, sie fanden auch heraus, dass die erst kürzlich arbeitslos Gewordenen für psychische und physische Krankheiten besonders anfällig waren. Die Untersuchungen ergaben außerdem, dass 1% Anstieg bei der Arbeitslosigkeit zu folgenden Steigerungen führte:
5,6% Anstieg bei Herzinfarkten;
3,1% Anstieg bei Schlaganfällen.

Basierend auf den Arbeitslosenzahlen von 1990-1992, führte das zu 35.307 zusätzlichen Herzinfarkten und 2771 zusätzlichen Schlaganfällen. Es wurde auch herausgefunden, dass die Unbeschäftigten eine viel höhere Anfälligkeit für Stress, Alkoholmissbrauch, Zigarettensucht, Depression und auch Junkfood besaßen. (Merva & Fowles, Effects of Diminished Economic Opportunities on Social Stress, Economic Policy Institute, 1992)
Die Studie zeigt auch, wie Leiden und Aggression Folgen von Umweltverschmutzung sein kann, und wie mächtig unsere Umwelt darin ist, unser Verhalten und unsere Werte zu beeinflussen. Wenn eine Person ums Überleben kämpft, wird sie tun, was zu tun ist. Macht sie dies zu einem “Kriminellen”? Nicht notwendigerweise.
Was können wir daraus lernen? Unser Verhalten basiert darauf, was wir lernen, was durch unsere biosozialen Zwänge bedingt wird. Unsere genetische Ausstattung lässt keine Rückschlüsse auf eine womöglich beste Verhaltensweise zu. Unser Erlerntes und unsere Gewohnheiten bestimmen unser Verhalten.
Ein beleidigter Mann, der eine Waffe zieht und jemanden erschießt, musste während seines Lebens erst einmal lernen, was eine Waffe ist, wie man den Abzug betätigt. Und er muss wissen, was er denn überhaupt beleidigend genug findet um mit dem Schießen anzufangen.
Jedes Wort auf dieser Seite wurde von dem Autor auf dem einen oder anderen Weg gelernt. Jedes Konzept ist eine kumulative Ansammlung von Erfahrungen. Alles, worüber wir nachdenken, ist in unserer Umwelt vorhanden. Ein chinesisches Baby, welches ab seiner Geburt in einer britischen Familie in England aufwächst, wird die Sprache, den Dialekt, die Manieren, die Traditionen und den Akzent der britischen Kultur annehmen.
Nun lassen Sie uns zu unserem ursprünglichen Problem zurückkehren, zu denjenigen, die glauben, dass eine Ressourcenbasierte Ökonomie wegen der “despotischen Eigenschaften der menschlichen Natur” niemals funktionieren wird. Es sollte klar sein, dass jede Person, die jemals eine andere Person betrogen hat, eine Motivation dafür hatte. Diese Motivation wurde erlernt. Deshalb ist unser Ziel als Gesellschaft diese Motivation oder die Auslöser für sozial inakzeptables Verhalten zu entfernen.
In der heutigen Gesellschaft stammen die Hauptauslöser für inakzeptables Verhalten aus dem monetären System selbst. So wie vorher besprochen fördert das monetäre System Korruption, Knappheit und Insuffizienz. Sogenannter Anstand kann in einer wettbewerbsorientierten Welt nicht existieren.
Hierarchie, Gier, Wettbewerb und Dominanz sind direkte soziale Folgen. Betrachtet man das Tierreich, so sieht man normalerweise soziale Hierarchien und brutale Dominanz. Viele behaupten, der Instinkt der Tiere bringt sie dazu sich so zu verhalten, und dass Menschen dieselben Instinkte besitzen. Während es aus dieser Beobachtung heraus logisch erscheint, so zieht diese Behauptung nicht die im Tierreich allgegenwärtige Knappheit in Betracht. Wenn nicht genug zum Überleben da ist, dann steigen die aggressiveren Tiere an die Spitze und erzeugen eine Hierarchie, während der Rest scheinbar gierig um die Ressourcen streitet.
Robert Sapolsky, Professor der Neurologie und der neurologischen Wissenschaften an der Stanford Universität, verbrachte 30 Jahre persönlicher Studien in einer Paviangruppe in Ostafrika. Diese Gruppe zeigte dieselbe soziale Hierarchie, dasselbe Wettbewerbs- und Dominanzverhalten wie Menschen das heute tun.
Jedoch geschah nach 10 Studienjahren etwas Interessantes. Die Gruppe wurde unabsichtlich einer Krankheit ausgesetzt, wodurch das Alphamännchen der Paviane starb, und nur noch die untergeordneten männlichen Paviane und die Weibchen übrig blieben. Dieses Ereignis veränderte die soziale Ordnung der Gruppe gewaltig. Keiner der verbliebenen Paviane füllte die freigewordene Dominanzposition. Die Hierarchie stoppte praktisch und aggressives Verhalten nahm drastisch ab. Dies ist nach 20 Jahren immer noch der Fall. Sogar wenn neue, erwachsene Männchen zur Gruppe hinzustoßen, so dauert es etwa 6 Monate, bis sich das Verhalten des neuen Pavians von den typischen aggressiven Verhaltensweisen hin zu den neuen ausgeglichenen und nicht aggressiven Verhaltensweisen der Gruppe gewandelt hat. (Interview with R. Sapolsky, Stress: Portrait of a Killer, National Geographic, 2008)
Wenn auch diese Beobachtung viele Fragen offen lässt, so belegt sie doch eine durch Umwelteinflüsse hervorgerufene Verhaltensänderung. Der Gedanke, dass unsere menschliche Gesellschaft in ein Gefängnis aus “Instinkt” und “menschlicher Natur” eingesperrt ist, ist nicht haltbar. Selbst wenn wir Neigungen zu bestimmten Überlebensmustern haben, ist es immer noch die Umgebung, die unser tatsächliches Verhalten erzeugt.

Mit den Worten des Epidemiologen Professor Sir Michael Marmot bezüglich der Pavianstudie:
“Ich würde sagen, dass das was wir gelernt haben … vom Studium der nichtmenschlichen Primaten, die Erkenntnis ist, dass die Lebensbedingungen von Menschen … extremen Einfluss auf ihre Gesundheit haben. Ich denke, was wir zu erschaffen versuchen ist eine bessere Gesellschaft … wie können wir eine Gesellschaft erschaffen, die die Bedingungen bietet, die es dem Menschen erlaubt aufzublühen? Denn dahin bewegen wir uns – zur Erschaffung einer besseren Gesellschaft, die menschliches Gedeihen unterstützt.” (Interview with Sir Micheal Marmot, Stress: Portrait of a Killer, National Geographic, 2008)
Doktor Sapolsky fügt hinzu:
“Wenn Paviane innerhalb einer Generation das überwinden können, was wir aus unseren Schulbüchern als soziales System kennen, was bisher als “in Stein gemeißelt” galt … Dann fehlt uns jegliche Grundlage zu sagen, dass es gewisse feststehende Ungerechtigkeiten des menschlichen Sozialsystems gibt. (Interview with R. Sapolsky, Stress: Portrait of a Killer, National Geographic, 2008)
In einer Ressourcenbasierten Ökonomie sind die Ziele Gleichheit, Freiheit und Überfluss. Wenn diese Umweltfaktoren für die Menschheit bereitgestellt werden, dann kann sich das Sozialsystem von den schädlichen, korrupten und egoistischen Verhaltensmustern lösen.

Das Rechtssystem:

Wenn es um menschliches Verhalten geht, versucht die heutige Gesellschaft dieses durch Androhung, durch die Verwendung von Gesetzen zu kontrollieren. Das ist Flickwerk, welches nicht die Ursachen des Verhaltens beseitigt. Wenn eine Person wegen Diebstahls eingesperrt wird, wird sehr wenig darüber nachgedacht, warum diese Person mit Stehlen angefangen hat. Anstatt die Ursachen zu suchen, nimmt die Gesellschaft den einfachen Weg und wirft “Kriminelle” oft ins Gefängnis.
Im Jahre 2007 waren mehr als 9 Millionen Menschen auf der ganzen Welt Gefängnisinsassen und die Vereinigten Staaten führen international mit der höchsten Gefängnisbevölkerung. (Walmsley, Roy, World Prison Population 2007, International Center for Prison Studies, London) Das ist einfach nur traurig.
Die Ursache von so genanntem Verbrechen ist in Wirklichkeit die Gesellschaft selbst. Es gibt so etwas wie einen “Kriminellen” nicht. Wie wiederholt zum Ausdruck gebracht, generiert das monetäre System die Korruption durch seine Konstruktion. Wie die Merva- & Fowles-Studie zuvor deutlich zeigt, steht sozial anstößiges Verhalten in direktem Zusammenhang mit sozioökonomischen Bedingungen. Die große Mehrheit der Menschen in den Gefängnissen kommen aus benachteiligten sozioökonomischen Verhältnissen.
Gesetze sind Wundpflaster. Anstatt auf ein gescheitertes System der Bestrafung oder Haft nach der Entstehung eines Schadens zu setzen, müssen wir über die Unzulänglichkeiten der Gesellschaft nachdenken, welche zu sozial anstößigem Verhalten wie Armut, Unterernährung, Obdachlosigkeit, Verderbtheit, sozialer Verzerrung, fehlender Bildung, finanziellem Stress, vernachlässigten Kindern und dergleichen führt.
Wenn wir daher das Verhalten von Menschen ändern wollen, müssen wir die sozialen Bedingungen ändern. Wir wollen die Mängel beseitigen. Wir beseitigen die Notwendigkeit für Papier-Proklamationen und Gesetze. Gesetze sind Nebenprodukte der Unzulänglichkeit. Du brauchst kein Verkehrszeichen, das dir zur Sicherheit sagt: “Geschwindigkeitsbegrenzung 100 Kilometer pro Stunde”. Man entwirft einfach ein technisches System so sicher, dass menschliches Versagen nicht mehr möglich ist. Wenn du nicht möchtest, dass eine Person stiehlt, musst du ihr das zur Verfügung stellen, was sie braucht, ohne Unterwürfigkeit oder Wettbewerb.

weiter zum Kapitel 8: Funktionale Spiritualität

SOURCE: TZM – RBE (Stand: 27.10.2011)

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.